Mehr Wisskomm in ländlichen Räumen

Wissenschaftskommunikation (Wisskomm) soll möglichst barrierearm sein und viele Menschen erreichen können – wer würde dem nicht zustimmen? Wie kann es also sein, dass Wissenschaftskommunikation im ländlichen Raum kaum stattfindet, während sie in Städten allgegenwärtig ist? Denn auf dem Land gibt es keine Wissenschaftsnacht, keine öffentlichen Vortragsreihen an Universitäten, keine Wissenschaft im Pub, kaum Wissenschaftsläden oder Reallabore.

2025-01-14_Karten_laendliche_Raeume_und_Wissenschaft

Links: Deutschlandkarte mit Einfärbung nach Ländlichkeit basierend auf der Kategorisierung des Thünen-Instituts (Quelle: www.thuenen.de/de/themenfelder/laendliche-raeume). Rechts: Deutschlandkarte mit eingezeichneten Wissenschaftseinrichtungen (nur Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen) gemäß Bundesbericht Forschung und Innovation (Quelle: www.bundesbericht-forschung-innovation.de/de/Ubersichtskarte-1791.html

Stattdessen konzentriert sich Wissenschaftskommunikation auf städtische Zentren, wo die meisten Wissenschaftseinrichtungen beheimatet sind und es auch sonst viele (kulturelle u.a.) Angebote gibt.

Neben den urbanen Eventformaten fehlt zudem auf dem Land eine Art „Beiläufigkeitseffekt“. Menschen kommen in der Stadt viel häufiger und eher zufällig mit Wissenschaft in Berührung, auch ohne aktiv an Wisskomm-Formaten teilzunehmen – durch Plakate für Events, Ortsbezeichnungen wie „Universitätsplatz“ oder einfach durch die physische Nähe zu Hochschulen – man läuft wortwörtlich gelegentlich an der Wissenschaft vorbei. Und manchmal wohnen Forschende in der eigenen Nachbarschaft. Doch was passiert in den Dörfern, Kleinstädten und Gemeinden, in denen solche beiläufigen Gelegenheiten fehlen? Es bleibt eine große Lücke, die wir zu füllen versuchen sollten. Genau hier setzte unser Projekt Heimspiel Wissenschaft an, welches nach einer zweijährigen BMBF-Förderung Ende 2024 auslief.

Was ist Heimspiel Wissenschaft?

Mit Heimspiel Wissenschaft haben wir ein Format entwickelt, das Wissenschaftskommunikation im ländlichen Raum stärkt, in dem Wissenschaftler*innen direkt in ihre Heimatorte zurückkehren. Diese kehrten für eine Veranstaltung in ihre Gemeinden zurück und teilten ihre Forschung auf persönliche, niedrigschwellige Weise – sei es im Gasthof, im Gemeindehaus oder im Sportheim. Dabei ging es nicht nur um Wissenschaft, sondern auch um persönliche Geschichten, Werdegänge, den Berufsalltag und lokale Verbindungen.

Ein besonders wichtiger und schöner Aspekt der vergangenen Heimspiele: Ein Drittel der teilnehmenden Wissenschaftler*innen waren Erstakademiker*innen. Diese Zahl ist beeindruckend, wenn man bedenkt, dass in Deutschland nur etwa 2 % der promovierten Wissenschaftler*innen Erstakademiker*innen sind (Quelle: www.hochschulbildungsreport.de/2021/chancengerechte_bildung). Durch Heimspiel Wissenschaft konnten wir so vielfach eine Brücke zwischen den Forschenden und ihren nicht-akademischen Herkunftsumfeld schlagen. Persönliche Beispiele sind wichtig für die Berufswahl junger Menschen, daher ist es gut, dass auch im ländlichen Kontext das Berufsbild Wissenschaftler*in vorgestellt wird.

Heimspiel Wissenschaft – Zahlen und Fakten

  • 62 Heimspiele in 12 Bundesländern durchgeführt
  • Disziplinübergreifend, Forscher*innen aus unterschiedlichen Statusgruppen
  • Beteiligung von 34 Hochschulen
  • ca. 3.000 Teilnehmende
  • 1/3 der Forschenden waren Erstakademiker*innen
  • zusammen mit der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und dem #WisskommLab der Universität Heidelberg

„Gut, dass es so etwas auch mal bei uns auf dem Dorf gibt“ und „endlich verstehe ich mal, was du da so machst“ – solche Rückmeldungen bestätigen uns immer wieder, wie wichtig und wertvoll dieses Format ist. Auch diese Reels zeigen, wie lebendig und persönlich die Veranstaltungen sind:

Wir haben diese Erfahrungen gemacht:

  • Netzwerke vor Ort nutzen: Vereine, Stadtverwaltung, Kirchengemeinde und andere lokale Partner gewinnen und einbinden.
  • Je kleiner der Ort, umso besser klappt die Ankündigung und Pressearbeit.
  • Veranstaltungsorte mit Community-Anbindung wählen: Gasthäuser, Sportheime sind oft zugänglicher als Veranstaltungssäle mit Bühnen.
  • Persönlichkeit zählt: Wissenschaftler*innen, die aus der Region kommen, schaffen Vertrauen und Verbundenheit.
  • Flexibel sein: maßgeschneiderte Formate mit lokalen Bezügen und persönlichem Rahmen machen den Unterschied.

Eine Evaluation des Projekts Heimspiel, durchgeführt von der Uni Heidelberg, ist derzeit in Arbeit.

Wer sich selbst für Wissenschaftskommunikation im ländlichen Raum engagieren möchte, findet auf unserer Website alle nötigen Materialien: https://heimspiel-wissenschaft.de/mitmachen/. Von praktischen Tipps bis zu Branding-Materialien – wir teilen unser Wissen gern und freuen uns über jede weitere Heimspiel-Veranstaltung, die wir gerne auch zukünftig auf der Website im Heimspiel-Kalender listen.

Die Heimspiel-Idee ist so gut wie sie einfach ist und findet bereits Nachahmer*innen. In der Schweiz wird ein Pilotprojekt mit Heimspielen gestartet, das sich auf soziale und geisteswissenschaftliche Themen fokussiert – so haben wir uns das gewünscht!

Die Lücke füllen – Mitmachen und Vernetzen

Um den Austausch zu Wisskomm in ländlichen Räumen zu fördern, haben wir einen „Digitalen Frühschoppen“ ins Leben gerufen – eine LinkedIn-Gruppe mit regelmäßigen Lunchtalks. Fast 80 Personen sind bereits in der Gruppe aktiv. Mittlerweile haben wir in fünf Treffen spannende Projekte vorgestellt und uns ausgetauscht. Dazu zählen etwa Formate, die Partizipation in ländlichen Regionen fördern, Wissenschaftler*innen mit Schüler*innen in ihren Heimatgemeinden vernetzen oder Kulturinitiativen auf dem Dorf anstoßen und nachhaltig betreiben.

Die Arbeit beginnt erst

Die vielen Gespräche dort und rund um unser Projekt Heimspiel Wissenschaft haben uns gezeigt, dass Wissenschaftskommunikation in ländlichen Räumen möglich ist, gebraucht und offen angenommen wird. Wissenschaftskommunikation kann überall stattfinden. Lassen Sie uns zusammen dafür sorgen, dass es auch passiert. Bei uns “rauchen” jedenfalls schon wieder die Köpfe bei der Entwicklung eines neuen sinnvollen und attraktiven Wisskomm-auf-dem-Land-Projekts. Vielleicht mit Ihnen?

Sie möchten mehr erfahren oder ein eigenes Heimspiel oder ein ähnliches Projekt starten? Wir stehen bereit, Sie zu unterstützen. Schreiben Sie uns: heimspiel@con-gressa.de.

Mehr dazu:

ZEIT Wissen Podcast mit con-gressa-Geschäftsführer und Mitbegründer von Heimspiel Wissenschaft, Jörg Weiss,

DUZ-Special (Deutsche Universitätszeitung)

Tipps zur Organisation eines Heimspiels Wissenschaft

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